Sei nicht zu originell

Ich würde mal behaupten, dass es ein „Dilemma der Ideen“ gibt.
Man kann Kreativität auf 3 Ebenen „messen“ (Wie misst man Kreativität und welche Dimensionen hat sie?). Man kann nach Quantität, Qualität und Originalität differenzieren.

Okay, schön und gut aber was ist jetzt das „Dilemma der Ideen“?

Die Umgebung

Lass uns einmal überlegen, wo wir uns (vermutlich) einig sind:

  1. Viele Ideen sind ceteris paribus besser als wenige (ceteris paribus = Alle anderen Parameter bleiben unverändert, hier also: Qualität und Originalität bleiben gleich)
  2. Je besser die Qualität, desto größer der Effekt der Idee. Grob gesagt: Je mehr die umgesetzte Idee ihre eigene Umwelt beeinflusst, desto höher ist die Qualität
  3. Je origineller die Idee ist, desto seltener ist sie. Ganz grundlegender Marktwirtschaft folgend, kann dann angenommen werden, dass „selten“ oft auch „wertvoll“ bedeutet. (Viele sind auf die Idee von anders geformten oder anders gefärbten Feature-Phones gekommen, aber nur Wenige auf die ersten Smartphone-Prototypen. Diese Idee konnte somit an wenigeren Stellen konsolidieren und damit besser wertgeschöpft werden)
  4. Ideen entstehen nie unabhängig. Sie werden durch Input geboren und ihr Erfolg hängt von ihrer Umwelt ab. Wer also, grob gesagt, im Japan des 14ten Jahrhunderts aufwächst, wird grundlegend andere Ideen haben als ein Berliner des Jahres 2022. Auch muss die Idee vom Umfeld verstanden werden. Die ersten Ideen eines „Internets“ sind sicherlich von großer Bedeutung, aber hätte man diese auf einem Kleinstadt-Marktplatz im Jahr 1500 kund getan, wäre ganz bestimmt nicht so viel passiert.

Das Dilemma

Gerade der letzte Punkt ist das, was mich zur Vermutung bringt, dass eine Idee niemals ein „Extremausschlag“ ist.
Denn wenn man annimmt, dass die Idee vom Umfeld verstanden werden muss (Ich beschreibe das jetzt einfach mal als Infrastruktur), darf sie weder zu originell, noch zu weit fortgeschritten sein.
Die perfekte Originalität, also seltene Idee, wäre im absoluten Zufall erreicht. Wenn jetzt aber zufällig Worte aneinander gereiht werden, kann man davon ausgehen, dass keine Anerkennung für diese „gute Idee“ folgt.
Die gegebene Infrastruktur, durch die sich Ideen bewegen, bremst also die Originalität.
Oder anders gesagt: Qualität und Originalität schließen sich gewissermaßen aus.

Noch einmal anders:

Je origineller die Idee, desto wahrscheinlicher ist sie von geringer Qualität.

Geht das auch bildlicher?

Gehen wir einfach mal der Reihe nach durch die Quadranten und die Arten von Ideen:

  1. Hohe Originalität & hohe Qualität:
    Diese Art ist ziemlich selten, und sie beeinflusst ihre Umwelt stark. Sie löst das Problem auf eine „effektive“ Weise. Schwierig zu erreichen, da die benötigte Infrastruktur nicht vorhanden ist.
  2. Niedrige Originalität & hohe Qualität:
    Diese Art ist „naheliegend“, konnte aber (vielleicht besser als andere Ideen) das Problem gut lösen und somit ihre Umwelt stark beeinflussen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass Verbesserungen von bereits bestehenden Ideen hier hineinfallen. (Effektivere Kühlmittel in Kühlschränken bspw. verbessern die Idee „Kühlschrank“, können also verstanden werden)
  3. Hohe Originalität & niedrige Qualität:
    Im dritten Quadranten ist eine Art von Idee, die häufig vorkommt: Sie ist weder sehr selten, noch besonders originell („Was wollen wir essen?“ – „Vielleicht bestellen wir Pizza!“). Kein großer Einfluss auf ihr eigenes Umfeld.
  4. Hohe Originalität & niedrige Qualität:
    Diese Idee sehr originell, löst aber das Problem nicht besonders effektiv. Hier kann man zB an die Tunnel von Elon Musk denken. Die Idee ist ungewöhnlich, allerdings gibt es bereits viel effizientere Lösungen für das Problem „Menschen unter der Erde transportieren“.

Lösung des Dilemmas

Ich glaube, dass man das Dilemma wie folgt lösen kann:
Vermutlich ist es besser, einfach eine große Menge an funktionierenden (also qualitativen) Ideen zu haben. Originalität ist nichts, was das Ziel sein sollte. Jede Einzelne sollte einen Schwellenwert überschreiten (also „wie gut soll die Idee das Problem lösen“) und darüber scheint es besser, Ideen aufeinander aufzubauen.

Durch diesen iterativen Prozess ist es wahrscheinlicher, dass die Vorgänger-Ideen die nötige Infrastruktur aufbauen, um die Folge-Ideen umzusetzen (Internet war erst möglich durch HTML war erst möglich durch Computer war erst möglich durch Relais-Schaltungen war erst möglich…).

Was heißt das denn jetzt?

Einfach Ideen haben, die ein Problem lösen. Dann darauf aufbauen.
Die Guten Ideen machen Spaß und werden wieder neue Ideen fabrizieren (also ihr Umfeld beeinflussen).

Also:
Sei kreativ 🙂
(Wohlmöglich sogar: Hab Mut zur Scheiße)