Es gibt keine Prioritäten

TL;DR
Prioritäten setzen zu müssen ist ein Luxusproblem: Man hat viele gute Projekte. Trotzdem muss man sich für etwas entscheiden…oder vielmehr gegen etwas. Getreu dem Motto: „Weniger, aber besser.“

„Wir haben mehr zu tun als alle Generationen vor uns“ – sagen wir uns.
Das glaube ich nicht.
Ja, wir können mehr tun, als viele Generationen vor uns. Aber ich denke, dass es vor allem daran hapert, Prioritäten zu setzen.
Bzw. eine Priorität.

Ich beschäftige mich gerne mit „Produktivitäts-Hacks“. Einer der Evergreens aller Youtuber und Blogger ist der, dass man klare Prioritäten setzen muss.

Ich behaupte, dass es das nicht ist.

Wieso es keine Prioritäten gibt

Das Wort Priorität kommt aus dem Lateinischen „prior“, was soviel wie „Das Erste“ bedeutet. Jetzt lasst uns mal überlegen: Wieviel Erste Dinge gibt es?
Eines? Zwei? Oder mehr?

Eins.

Überlegt man mal, worauf „Prioritäten setzen“ abzielt, ergibt das auch Sinn. Denn es soll die Frage beantwortet werden, was jetzt gerade im Moment das Beste ist, was man tun kann.

Das Problem mit der Mehrzahl „Prioritäten“

Wir wollen Prioritäten setzen, weil wir zu viel zu tun haben. Zu klären, was man tun sollte und was nicht, ist von großem Wert. Deshalb klingt die Idee, alles in eine logische Rangfolge zu bringen, total intuitiv.

Das Problem ist eher, dass diese Idee genutzt wird, um sich nicht entscheiden zu müssen. Prioritäten im Plural suggeriert eine lange (oder unendliche) Liste von absteigender „Wichtigkeit
Aber:

Es gibt nur ein wichtigstes Ding.

Warum Prioritäten zu setzen eine Ausrede ist

Wir haben viele Dinge, die wir machen wollen und andere, die wir machen müssen.
Wenn wir uns lange genug Mühe geben, ist der Großteil davon etwas, worauf wir Lust haben oder was uns Vorteile verschafft. Prioritäten werden also bei Projekten der Kategorie „Will“ oder „Muss“ gesetzt.

Und darin liegt das Problem.
Wenn wir unsere 12 Projekte in eine Rangfolge bringen, müssen wir uns nicht entscheiden.

Luxusprobleme

Dabei ist die Schwierigkeit, sich entscheiden zu müssen, ein gutes Problem. Wären schlechte Projekte auf der Liste, würden sie ganz schnell nach hinten rutschen oder wohlmöglich ganz gestrichen werden.
Man kann also davon ausgehen, dass das Problem nur auftritt, wenn man viele gute Möglichkeiten hat.

Das bedingt aber ein Problem zweiten Ranges: Sich jetzt nicht ganz zu entscheiden, sondern nur „so lala“ zu machen, lässt dem jeweiligen Projekt nicht die Energie zukommen, die es verdient hätte.

Was dahinter steckt

Meiner Meinung nach steckt dahinter das Problem, dass wir glauben, alles zu können. Das ist nämlich ein Missverständnis:

Wir können alles tun. Nur nicht gleichzeitig. Und nicht immer.

Ja, uns stehen derzeit theoretisch mehr Türen offen als vor zwei-, dreihundert Jahren. Aber wir sind immer noch einfach nur Menschen und können entsprechend in unserem Leben nicht durch viel mehr Türen gehen.

Das Problem, was dahinter steckt ist also eher:

Wie entscheidet man sich gegen Dinge, wenn viele Dinge gleich „gut“ sind?

Vielleicht sollten wir eine globale Weiterleitung im Internet einrichten.
Wird „Wie setze ich Prioritäten“ gegoogelt, wird weitergeleitet zu „Wie entscheide ich mich gegen gute Dinge?“

Zu viele Zutaten schmecken nicht

Eine bildliche Beschreibung des Problems:
Es gibt einen Teller. Dieser wird nicht größer oder kleiner. Der Teller steht für unsere 100% Energie.

Jetzt wollen wir gerne etwas essen und können uns Zutaten auftischen. 6 Zutaten zB funktionieren. Nudeln, Tomaten, Zwiebeln, ein wenig Zucker, ein wenig Salz, Basilikum.
Jede Zutat steht für ein Projekt im Leben. Und jetzt wird es deutlich:

Zu viele Zutaten werden zum Problem

Denn wollen wir alle Gewürze in unserem Gericht verwenden, wird keines davon dominieren. Keins davon kommt zur Geltung. Man muss sich auf ein paar „Kerngeschmäcker“ festlegen. Der Rest kommt drumherum.

Die Lösung?

Die Lösung ist das Konzentrieren auf Weniger.

Weniger aber besser

Hier hilft es Systemdenken anzuwenden. Und im Kopf zu behalten, welcher Art die Energie ist, die den Projekt zufließt. Beim Kochen ist es ähnlich. Die Makros Kohlenhydrate, Proteine und Fette sollten ausgeglichen sein.
Sport bedarf eben einer anderen Energie als Lernen vor einer Prüfung.

Also.
Das System Leben. Man kann es teilen in zum Beispiel:

  • Privat
  • Beruf/Karriere
    Und jetzt entscheidet man sich so weiter.
  • Welche 2 Dinge sind Privat die beiden, die mir am meisten Spaß bereiten?
    zB einen Blog schreiben und alles andere nicht
  • Welche 2 Projekte bringen mich beruflich am ehesten weiter?
    zB Fernstudium und innerbetriebliche Bewerbung und alles andere nicht
    Und so weiter:
  • Um einen Blog zu schreiben werde ich 2 Dinge tun: Artikel schreiben & Bücher lesen, um neue Ideen zu bekommen und alles andere nicht
  • Ich werde fürs Studium lernen und die Augen nach Bewerbungsmöglichkeiten offenhalten und alles andere nicht.

Das wars.

Ich selbst habe früher den Fehler gemacht, zu viele Dinge zu haben. Wenn jetzt zum Beispiel jedes Level die Möglichkeit bekäme, 5 Dinge zu beinhalten, potenziert sich das und die Anzahl der Projekte wächst exponentiell. Uncool.

Am Ende steht man nun da und hat eine kurze Liste von Dingen, die man tun soll. Von allem Anderem sollte man die Finger lassen.
Und immer noch schwebt darüber das Problem:
Wir. Können. Nur. Singletasken.

Man sollte sich also für eine Sache entscheiden und durchziehen. Das Denken an die anderen Projekte ist jetzt nicht angesagt, die Struktur ist erzeugt und dadurch werden sie nicht „hintern runterfallen“.

Cheers.