Was ist Systemdenken?

Ich beschäftige mich viel mit „Abstraktem“.
Also Konzepten, Ideen und der Vogelperspektive auf Dinge. Ein weiteres Interessengebiet ist das PKM (=“Personal Knowledge Management„).
Derzeit baue ich mir mein eigenes PKM innerhalb der App Obsidian (Link) und bin zum Teil echt überfordert.
Wenn ich Tutorial-Videos zu diesem oder jenem Thema ansehe, fällt mir immer wieder auf, dass es Parallelen zu meinem Studienfach gibt (Wirtschaftswissenschaften) und auch zu der konzeptionellen Arbeit von Projekten und deren Management (Videodrehs, Tourmanagement und Content-Management etc.).
Das Alles wird unter dem Begriff „Systemdenken“ zusammengefasst.

Wie das so ist, übernimmt man manchmal Begriffe, von denen man nicht so ganz genau weiß, was sie bedeuten, bis einem auffällt, wie groß die Wissenslücken doch sind.

Also habe ich gesucht. Hier das Ergebnis:

Was ist ein System?

Bevor man über „etwas“ nachdenken kann, muss man sich darüber im Klaren sein, was „etwas“ überhaupt ist.
Ein System ist letzten Endes nur ein Konzept.
Dieses Konzept (meist sprachlich) hilft uns, Dinge und Wirkungen zu verstehen.

Systeme bestehen aus Teilen, die miteinander interagieren und zusammen Effekte erzeugen. Diese Effekte sind oft Emergenzen, also Effekte, die kein einzelner Teil des Systems alleine hätte erzeugen können.

Als Beispiel:
Ein Korallenriff besteht aus den Teilen:

  • alter Vulkan im Wasser nahe der Oberfläche
  • Korallen, die in dem mageren Umfeld Nahrung finden
  • Genügend Sonne und Wärme
  • Wasser (ach nee?!)

Daraus entsteht allerdings die Emergenz der komplexesten Ökosysteme (da ist das Wort. Ein Ökölogisches System also.), die wir derzeit kennen. 25% der im Wasser lebenden Arten stammen von dort.

Was ist Systemdenken?

Systemdenken ist jetzt die Betrachtung vom Ganzen. Nicht den Korallen als einzelnem Teil (bzw. „Subsystem“).
Dazu muss man natürlich als Erstes nach dem größeren, übergeordneten System suchen. Hier bei Korallenriffen relativ einfach, aber bei Landstrichen zum Beispiel schwieriger.
Auch ist klar, dass das Betrachten vom Übergeordneten immer auch mit einem Informationsverlust einhergeht. Sage ich „Das neue Album meines Lieblingskünstlers war insgesamt sehr gut“ geht die Information verloren, dass ich Titel Nummer 2 immer überspringe. Spreche ich von „Der Unternehmenssektor hat im letzten Jahr 10% mehr Profit erwirtschaftet“ geht unter, dass einige Unternehmen das Geschäft eingestellt haben.

Das Systemdenken versucht nun auch zu trennen, welche Größen beeinflussbar sind und welche nicht. Die Korallen im Beispiel können wir nicht motivieren schneller zu bauen (=exogen), aber durch ein Stopp der weiteren Versäuerung der Meere können wir den Schaden begrenzen (=endogen).

Wozu ist Systemdenken gut?

Wenn man Kenntnis über die Einflüsse eines Systems hat, kann man viel angemessenere Maßnahmen ergreifen. Auch ist klar, welche Dinge nicht durch uns beeinflussbar sind und worauf man sich stattdessen konzentrieren sollte (sehr stoisch die Idee).

Kennt man das System, kann man selbst Emergenzen erzeugen und Instabilitäten vermeiden.

Tritt zum Beispiel immer wieder ein und dasselbe Problem auf, ist es wahrscheinlich, dass das darüberliegende System noch nicht erkannt wurde.
Baut man besipielsweise mit Freunden ein Sidehustle auf und es verlässt Einer nach dem Anderen das Unternehmen, ist es vielleicht an der Zeit nach den Gründen zu suchen. Denn scheinbar wurden diese bisher noch nicht gefunden.
Hierbei kann Systemdenken helfen.

Diese Herangehensweise hilft sehr häufig, wenn man „immer wieder dasselbe“ Problem hat, und sich bei dem Gedanken erwischt, dass es „die Anderen“ sind, die das Problem darstellen.

Wieder ein Tier-Beispiel:
Im Yellowstone Park wurden Wölfe im Laufe der letzten Jahrhunderte ausgerottet. Man hatte Angst, dass die Räuber Vieh reißen und dem Menschen gefährlich werden würden. Allerdings war das Fehlen der Wölfe ein großer Eingriff ins Ökosystem des Yellowstone Parks. Das Gleichgewicht geriet ins Schwanken – auch andere Arten verschwanden.
Seit den 1990er Jahren wurden Wölfe wieder systematisch angesiedelt und das Ökosystem hat sich nicht nur erholt (Stabilität), sondern es gibt sogar nun wieder mehr von vorher bedrohten Arten wie Bibern oder Espen (Emergenzen).

Kann man Systemdenken lernen?

Ja.
Am Anfang ist das Ganze ziemlich schwierig, aber es gibt einige „Einstiegstipps“.

  • Versuchen, nicht eine Sache zu spezifisch zu beobachten, sondern als Teil von etwas Größerem (Deine Arbeitsstelle als Teil deines gesamten Lebens)
  • Unvoreingenommen nach Mustern suchen (Passieren ähnliche Situationen auf der Arbeit und auch zuhause?)
  • Überlegen, was du beeinflussen kannst und was nicht (Dein Gehalt nur in gewissen Maße aber deine Ausgaben sehr viel leichter)

Ist das nicht nur für Wissenschaftler und Menschen in Elfenbeintürmen?

Nö.

🙂

Wie gesagt. Systemdenken kann helfen, Muster zu erkennen. Wenn man die Augen aufhält, sieht man sogar manchmal sich selbst als Teil eines Systems und kann dadurch eigenes unlogisches Verhalten ändern oder bewusster reagieren.

Zusammenfassung

Systemdenken ist eine spannende Sache. Ich bin selbst begeistert, herauszuzoomen und das darüberliegende System zu suchen. Ist sicherlich auch eine Typenfrage, denn mit Details möchte ich mich eher selten beschäftigen.
Trotzdem hilft Systemdenken auch den Details, denn durch die angemessene Reaktion auf Probleme regeln sich diese meist auch. Egal ob es im eigenen Alltag ist oder in Ökosystemen. Meist sind die Details nämlich Aufgabe der Subsysteme.

Ich hoffe, ich konnte eine kleine Einleitung ins Systemdenken geben.
Vielleicht versuchst du selbst ja einmal, im Alltag so zu denken 🙂