Weshalb Social Media Gift sein kann

Es ist für unsere Verhältnisse ja schon ein alter Hut: Social Media ist irgendwie Gift.
Aber woran liegt das?

Eine Theorie von Ian Leslie, Author von „Conflicted: How Productive Disagreements Lead to Better Outcomes“, ist, dass Social Media letzten Endes eine Umgebung von „low context“ ist.

Low vs. High Context

Was heißt das?
Wenn eine Umgebung „low context“ ist, bedeutet es, dass Person A nicht den Kontext von Person B kennt. Man kann dieses Konzept auf vielen Ebenen betrachten, nicht nur online.
Zum Beispiel sind Gesellschaften wie China generell von „höherem Kontext“ als Europa, welches viel atomistischere Sub-Kulturen mit unterschiedlichen Kontexten, Meinungen und eigenen Umfeldern bietet.

Das ist per se nicht schlecht (oder gut).
Je mehr verschiedene Perspektiven es in einer Diskussion gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine dabei ist, die von allen als „richtig“ akzeptiert wird.
Allerdings, und das ist wichtig, ist es für eine produktive Meinungsverschiedenheit nötig, dass man den Kontext des Gegenübers kennt.
Ist das nicht gegeben, also die Situation von „low context“, wird man eher weniger Verständnis für andere Meinungen haben.

Bühne frei für Social Media

Eines der Kernelemente und ein Feature, welches den großen Social Media Konzernen am meisten Geld gebracht hat, ist der algorithmisch individualisierte Newsfeed:
Perfekte Abstimmung trifft auf „Doomscrolling“.

Wenn alle von uns nun ihren eigenen Feed haben, perfekt abgestimmt auf den Charakter und Interessen, und viel Zeit auf (oder „in“?) dem Feed verbringen bekommt jeder einen eigenen Kontext. Eine eigene Umgebung.

Und aus diesem heraus wird gepostet. Zum Teil sogar (in der Vergangenheit) reduziert auf 140 Zeichen. Klar, es gibt witzige Bildchen dazu (😭🍱🤗), aber ein echter Ersatz für „Kontext“ ist das nicht.

Wir lesen „Ich hasse Bahnfahren.“ und wissen, dass der-/diejenige einen SUV zuhause stehen hat. Unser Kontext ist eher umweltbewusst, also reagieren wir emotional mit Antworten a lá „Ja klar, aber deinen SUV durch die Stadt zu rasen ist so viel besser!“ Und schon entsteht ein Streit.
Hätten wir gewusst, dass der Zug einfach gerade 120 Minuten Verspätung wegen eines Notarzteinsatzes gehabt hat und deshalb ein wichtiger Temrin verpasst wurde hätten wir vermutlich sogar mit Verständnis reagiert.

Aber auch eine Schlagzeile die unserer Freundin gezeigt wird, uns aber nicht, kann schon beeinflussen, ob es zu einem „high context“ oder „low context“ Setting kommt. Sie reagiert darauf, und vergisst eventuell zu zeigen, dass es überhaupt eine Reaktion ist. Wir kommen nun aus unserem Kontext und reagieren wiederum darauf.

All das passiert, ohne das sich irgendjemand Zeit genommen hat, das geistige Umfeld, den Kontext des Gegenübers zu verstehen.
Und das lässt eben unproduktive Diskussionen entstehen.

Vermutlich ist der beste Weg, produktive Diskussionen z umführten ohnehin nicht online, aber wir sollten uns wohl mehr Mühe geben, den Kontext zu verstehen. Vielleicht die eigene Neigung eine emotional aufgeladene Antwort zu posten eher als Auslöser für ein Nachhaken nehmen: „Wieso schreibst du das?“.
Ich schätze, das passiert sogar eher per DM. Aber so oder so:
Um bessere Diskussionen zu führen sollten wir primär erst einmal den Kontext des Anderen verstehen. So kommt es zu mehr Verständnis und damit auch zu besseren Argumenten.

Prost.